Die "stählernen Särge": Rettung aus einem versenkten U-Boot


Auf jedem anderen Wasserfahrzeug, gleich welcher Art, stehen die Chancen um vieles besser gerettet zu werden als auf einem U-Boot. Selbst wenn ein getroffenes Überwasserfahrzeug schnell sinkt, gibt es auch für die Besatzungsmitglieder unter Deck unzählige Möglichkeiten, rechtzeitig von Bord zu kommen: Türen, Schotten, Bullaugen bieten Rettungsmöglichkeiten. Gänge, Wege, Treppen, Gangways, Leitern usw. sind auch auf kleineren Schiffen in der Regel breit genug, um schnell an Deck zu den Rettungsbooten zu kommen oder sich mit einem Sprung inīs Wasser zu retten. Ein U-Boot bietet nur zwei oder drei enge Wege es zu verlassen: Das Turmluk, das Kombüsenluk und die Torpedoluks. Ein U-Boot, das auf Tauchfahrt von Wasserbomben getroffen wird, zieht unweigerlich die gesamte Besatzung mit in sein finsteres Grab. Aber selbst wenn das Boot über Wasser getroffen wird, sinkt es oft in weniger als einer Minute. Für die Brückenwache bestanden oft die besten Chancen heil inīs Wasser zu kommen und dem Sog des sinkenden Bootes zu entkommen. Für die Besatzungsmitglieder im Boot sah es düster aus: Selbst in relativ flachen Gewässern konnte sich, wenn überhaupt, meist nur ein Teil der Besatzung retten... jener Teil, der das "Glück" hatte, zur "richtigen Zeit am richtigen Ort" gewesen zu sein. Wo das war, kam darauf an, wo das Boot getroffen wurde und wie es sank. Die Bereich, die direkt im Zerstörungsgebiet der Wasserbombe, der Mine, oder des feindlichen Torpedos lagen, wurden in Sekunden überflutet. Die Kugelschotts zu diesen Bereichen wurden geschlossen... wer in diesem Bereich eingeschlossen wurde, war verloren.
Innerhalb kürzester Zeit wurden so aus den "grauen Wölfen" oft "arme Hunde", die zu einem schrecklichen Tod in ihrem "Stahlsarg" verdammt waren!

Der Dräger-Tauchretter war ein einfaches Gerät um verunglückte U-Boot-Besatzungen zu retten. Seine Einsatztiefe war allerdings sehr beschränkt, aber obwohl oft behauptet wird, dass er wohl "mehr psychologische als reale Wirkung" hatte, hat er doch fraglos viele U-Boot-Männer vor dem Tod gerettet.

Bildquelle: Buch, "Deutsche U-Boote geheim 1935-1945" von Richard Lakowski, Brandenburgisches Verlagshaus, 1991 (Originalphoto aus dem Bundesarchiv - Militärisches Zwischenarchiv Potsdam)
Draeger-Tauchretter fuer verunglueckte U-Boot-Besatzungen.

Horst Klatt, WI auf U-859 und im Indik im Einsatz, berichtet von der Versenkung seines Bootes und seiner dramatischen Rettung:

Kapitänleutnant Jebsen hatte gerade die Wacheinteilung für die Hafenliegezeit bestimmt, und er befasste sich nun mit der problematischen Werftüberholung, als ich ihn um vorübergehende Abwesenheit bat. Nur zögernd gab er mir seine Genehmigung, gerade jetzt zum WC gehen zu dürfen... ich verliess die O-Messe, und ahnte nicht, dass ich keinen Teilnehmer der Besprechung wiedersehen würde. Kaum hatte ich im vorderen WC, im Unteroffiziersraum die Tür abgeriegelt, da hörte ich einen metallisch klirrenden Schlag. Gleichzeitig war eine kaum fühlbare Erschütterung des mit 15 Kn Marschfahrt Richtung Penang dahinackernden Bootes zu spüren. Nur Bruchteile einer Sekunde später erdröhnte eine gewaltige Detonation.
Das ganze Boot wurde buchstäblich angehoben, es machte einen regelrechten Sprung. Mit dem Kopf zuerst wurde ich mit fürchterlicher Wucht gegen den Druckkörper geschleudert.... Schreie gellten durch das Boot. Schrille Schreie und laute Rufe.
Das Licht war aus.

Ich spürte, wie das Boot wegsackte, dass es absoff... Je mehr es in die Tiefe fuhr, um so stärker wurde der Druck auf meinen Ohren. Ich versuchte, den Vorreiber vom WC-Schott zu öffnen, aber durch die Treffereinwirkung klemmt er... es musste etwas geschehen. Ich musste raus aus dem WC-Schapp. Ich klopfte und schlug gegen die Tür. Keiner kam, um sie zu öffnen. Wer noch an Bord lebte, hatte mit sich selbst zu tun. Im WC stand das Wasser bereits bis zur Tür-Rosette. Ich rief, rief und rief.

Schliesslich versuchte ich noch einmal mit einem Vierkantschlüssel die Tür mit Gewalt zu öffnen. Der Ausbruch gelang. Ich wurde vom Wasser erfasst und in den Unteroffiziersraum gespült.

Im Schein der Notbeleuchtung war die verheerende Wirkung des Treffers zu erkennen: Kojen, Kojenzeug, Zigerattenschachteln und andere Dinge schwammen zwischen leblosen Körpern auf öligem, ständig ansteigendem Wasser.
Ich versuchte, über den OF-Raum durch die Kombüse und die Offiziersmesse in die Zentrale zu gelangen. Ein entsetzliches Bild sprang mich auf diesem Weg an:
Im U-Raum erlebte ich einen Maschinenmaaten, der anscheinend seinen Verstand verloren hatte. Der Mann versuchte, in seinen kleinen Spind zu kriechen. Ich redete auf ihn ein, um ihn davon abzubringen...

Mit starrem Gesichtsausdruck gab er mir zu verstehen, dass er zusammen mit seiner Frau sterben wollte. Ich musste ein paarmal fragen, ehe ich begriff was er meinte...
Doch denn wurde es mir klar: Im Spind waren Bilder von seiner Frau und seinen Kindern!

... ein anderer Maat hatte seine Schlafmatraze unter dem Arm und schwamm zum Bugraum hin, denn hierhin hatten sich die Überlebenden gerettet. Er schaffte es nicht. Plötzlich wurde er besinnungslos und fiel in den U-Raum zurück. Nun aber blockierte die Matratze des Unteroffiziers das Bugraumluk. Es liess sich nicht mehr schliessen, obwohl mehrere Seeleute es versuchten.
Für mich war das ein Glück, stand ich doch in diesem Augenblick noch zwischen dem OF-Raum und der Kombüse. Hier versuchten gerade zwei Mann das darüber befindliche Luk zu öffnen. Aber das Schwitzwasser und die Dämpfe vom Kochen hatten offenbar einen so starken Rostansatz verursacht, dass sich das Handrad auch nicht mit Gewalt bewegen liess.
Ein Blick in den Offiziersraum: Was ich sah, war ein grausiges Bild der Verwüstung. Genau hier musste der Treffer erfolgt sein. Eisenteile versperrten den Durchgang zur Zentrale. Nirgendwo war mehr eine Spur von Leben.

Gelbe Schwaden zogen durch die Räume. An dem beissenden Geruch bemerkte ich, das es Chlorgase waren. Es wurde also höchste, allerhöchste Zeit, in den letzten noch sicheren Zufluchtsort, in den Bugraum zu schwimmen.
Ich arbeitete mich in das Vorschiff zurück und tauchte durch das vordere Torpedoluk in den Bugraum hinein. Er stand bereits zu 75 Prozent unter Wasser. Kaum hatte ich ihn betreten, dröhnte eine neue Detonation durch das Boot: Eine der beiden Batterien war explodiert.
Durch die Abluftleitungen drangen die giftigen, tödlichen Chlorgase jetzt auch bis zu uns hinein. Die Rosetten wurden geschlossen. Wir waren 12 Mann, die sich nach hierhin gerettet hatten. Waren wir 12, 13 oder nur 11? Genau vermochte man das bei diesem Zustand nicht zu zählen. Wohl aber stellte ich fest, dass die meisten Männer und einige Maaten der seemännischen Freiwache angehörten...

Von den 12 Mann im Bugraum verfügten nur 7 über einen Tauchretter. Sie hatten ihn bereits umgelegt. Die anderen suchten, sie tauchten, aber sie hatten kein Glück. Weitere Tauchretter waren nicht zu finden. Die Unruhe und Aufregung namentlich unter den jüngeren Matrosen wurde nur noch größer. Einige beteten, andere weinten, wieder andere jammerten leise vor sich hin, und ein paar von denen, die keinen Tauchretter hatten, hielten vaterländische Reden - bis die giftigen Chlorgase ihre Lungen zerfressen hatten.

Wir hingen nun an den Deckenventilen. Noch immer stieg das Wasser an.

Gleich würde auch das spärliche Licht der Batterie-Notbeleuchtung überspült sein. Ich versuchte, die Leute zu beruhigen. Ich sagte ihnen, dass wir uns retten könnten, wenn wir absolute Ruhe bewahren würden. Ich erklärte ihnen, das Wasser sei hier nur 40 Meter tief. Wenn das Boot vollends geflutet sei, würde sich das Luk ganz leicht öffnen lassen.
Ein Heizer schrie mich mit vor Angst klirrender Stimme an. Das sei eine Lüge. Er wüsste genau, das Wasser sei hier 80 Meter tief. Niemand könnte hier noch aussteigen. Auch die Tauchretter wurden uns nicht helfen.

Inzwischen hatten zwei Maate versucht, das Luk zu öffnen. Es klemmte. Wir brauchten einen harten Gegenstand. Ein Messer oder einen Meißel.
Weiter, immer weiter stieg der Wasserspiegel an. Am vorderne Tiefenmesser las ich 15 Meter Wassertiefe ab. Also war der Druckausgleich bis auf 0,8 atü ausgeglichen.
Das Luk geht aber immer noch nicht auf. Körperliche Arbeit bei 6 atü ist fast unmöglich, wir waren schon viel zu lange bei diesem Druck im Boot eingesperrt. Wenn wir nicht gleich das Luk öffneten, würde es aus sein. Das wusste jeder, aber keiner sprach es aus.
Ein Bootsmann opferte sich und tauchte in den Nebenraum zurück. Mit einem spitzen, harten Gegenstand kehrte er zurück. Was es war, weiss ich heute noch nicht.
Zusammen mit diesem Maaten verliessen noch zwei andere Seeleute den Bugraum. Sie wollten versuchen, so sagten sie, durch das Trefferloch im Druckkörper inīs Freie zu gelangen... wir haben sie nie wieder gesehen.

Das Luk zu öffnen, glückte.

Einer der Maate gab mir das Zeichen, dass das Luk nunmehr frei war. Er fragte nach dem Druckausgleich. Mir blieb nur wenig Zeit, den restlichen Kameraden zu erläutern, wie sie sich verhalten sollten:
  1. Mundstück des Tauchretters erst kurz vor dem Aussteigen in den Mund nehmen...
  2. Tauchretter nur geringfügig mit Bootsluft und etwas Sauerstoff aufblasen...
  3. Nicht krampfhaft auf das Mundstück beissen, immer Luft ablassen...
  4. Versuchen, mit der Luftblase aufzusteigen...
  5. Langsam aufsteigen, mit den Armen gegenrudern...
Im Bugraum war das Wasser mittlerweile so hoch gestiegen, dass nur noch 30 bis 40 Zentimeter Luftraum unter der Decke zum Atmen verbleiben. Hier, dicht unter der Decke, klammerten wir uns an irgentwelchen Ventilen fest. Keiner kannte die wirkliche Tiefe, in der das Boot lag.
Ein Rauschen rumorte durch das Boot.
Das stählerne Luk über uns flatterte. Es schlug wild und wütend auf und nieder. Brausend und zischend entwich die komprimierte Luft aus dem Boot. Wasser drang nach.
Endlich war der Druckausgleich hergestellt. Das Luk blieb jetzt in geöffneter Stellung stehen. Es war eingerastet.

Es wurde hell um uns.

Einige der überlebenden Kameraden waren bereits mit der aus dem Boot entwichenen Luftblase aus dem stählernen Sarg herausgerissen worden.
In die Ungewissheit hinein...

Die anderen stiegen nach. Sie kletterten ruhig und ohne Aufregung durch das kreisrunde Loch hindurch. Ich war der letzte, der letzte Lebende auf dem Meeresgrund. In dem zerfetzten Boot ruhten nur noch meine toten Kameraden. Ganz still war es um mich. Eine unheimliche, mich beruhigende Ruhe schwebte durch den Raum.

Über mir war die helle Öffnung. Sie zeichnete sich als grünlich-blauer Kreis über meinem Kopf ab, so scharf, wie mit dem Messer geritzt. Dann und wann stiegen noch ein paar Blasen auf. Wie glitzernde Perlen schwebten sie nach oben... durch den grünblauen Teller hindurch...
Langsam zog ich mich am Luk hoch, Ich achtete darauf, dass sich mein Tauchretter nicht im Handrad verhedderte, auch, dass ich nicht am Netzabweiser hängenblieb.
Ich fühlte, wie ich leichter wurde, denn entschwanden mir die Sinne.
Um mich herum war nur noch untergründiges Rauschen. Plötzlich aber war es still. Ich glaubte, in einer anderen Welt zu sein. Die Augen zu öffnen wagte ich nicht.
Doch denn rissen mich Schreie in die Wirklichkeit zurück. Ich öffnete die Augen: Um mich herum waren meterhohe Wellen. Ich schwamm auf meinem prall gefüllten Tauchretter. Das Mundstück an ihm hing mit geöffnetem Ventil herunter. Ich musste es verloren haben, als ich für 20 Minuten das Bewusstsein verlor. Der Überdruck aus der Lunge konnte also entweichen.

Wenn mich die See anhob, entdeckte ich einige der überlebenden Kameraden. Aber noch mehr Tote. Offenkundig waren die Männer viel zu schnell an die Oberfläche geschossen. Blutiger Schaum bedeckte ihre Münder. Ihre Lungen waren zerrissen.
Die Schreie stammten von Verwundeten, die von zahlreichen Haifischen angegriffen wurden.
Da sah ich, dicht neben mir, meinen Aufklärer Paddy. Er lag auf einem Schlauchboot. Paddy war nicht im Bugraum. Also waren auch welche aus dem Heckraum herausgekommen. Ein Trost in dieser Not.

Plöztlich wieder laute Rufe. Erst war es einer, denn waren es ein paar, die immer wieder Schrieen. "Ein U-Boot... ein U-Boot... ein U-Boot!"
Zuerst dachte ich an Oesten (anderer Deutscher Kommandant eines Monsun-U-Bootes). Denn aber erkannte ich an der Silhouette, dass es nur ein feindliches U-Boot sein konnte. Es kam näher, ich sah Besatzungsmitglieder an Deck. Sie fischten die ersten Überlebenden heraus. Mir fiel noch etwas auf, was sich unauslöschlich in meine Erinnerung eingegraben hat:
Eines der beiden Sehrohre war ausgefahren. An seiner Spitze hatte sich ein britischer Seemann festgekrallt... Oder hatte man ihn dort sogar festgebunden? Er hielt Ausschau nach Überlebenden. Immer wieder wies sein Arm in diese oder in eine andere Richtung.

Sieben acht oder neun Mann waren bereits gerettet worden. Dann drehte das Boot. Es kam direkt auf mich zu. Bei der hohen Dünung wurde ich um ein Hrr von dem messerscharfen Bug getroffen. Eine Leine flog durch die Luft, ein Tau, das man mir zugeworfen hatte. Ich packte den Tampen und wurde an das Boot herangezogen. Es waren wohl viele Hände gewesen, die mich herausgezerrt hatten, die mich über das Oberdeck geschliffen hatten und durch ein Luk in das Innere des U-Bootes gehoben haben.
Unten im Boot zählte ich acht Gerettete.
Wir fielen uns in die Arme.

Den Bericht über das Schicksal von U-859 habe ich inhaltlich dem Buch "Haie im Paradies" von Jochen Brennecke entnommen.


Seite Erstellt: 18.07.1997
Seite Editiert: 02.09.2004