Der letzte Akt: Stichwort Regenbogen



Es ist besser, als ein Wolf zu sterben, denn als Hund zu leben.
Herbert Wehner


Eine der Hauptgründe für den faszinierenden Mythos, der sich bis heute um die dt. W-II U-Boote rankt, ist die Aktion "Stichwort Regenbogen". "Stichwort Regenbogen", war der geheime Befehl, der bei einer Kapitulation die Selbstversenkung aller schwimmenden Einheiten vorsah, damit sie nicht in Feindeshand fielen.
Und "Stichwort Regenbogen" ist wohl der einzige Fall, in dem der Grossteil der U-Boot-Männer mit voller Absicht direkt gegen einen Befehl von Karl Dönitz verstiessen. Denn Dönitz wollte die fortschreitenden Verhandlungen mit den Engländern nicht gefährden und erteilte die Anweisung, das vorgesehene Stichwort nicht auszugeben, sondern alle U-Boote pauschal zu übergeben. Mit diesen Booten wollte er seinerseits den Engländern Entgegenkommen zeigen, da diese das Weiterlaufen der Flüchtlingstransporte und Rückzugsbewegungen der Soldaten aus dem Osten gewährten.
Zwei verunsicherte U-Boot-Kommandanten drangen in Flensburg-Mürwik bis in seinen Stab vor und forderten die Bestätigung, das "Regenbogen" nicht durchgeführt werden sollte. Ihnen wurde der Zutritt zu Dönitz verwehrt, doch der Adjutant des Großadmirals, Lüdde-Neurath, liess ihnen gegenüber die Bemerkung fallen, wenn er U-Boot-Kommandant wäre, "wüsste er, was er zu tun hätte"...

...und die U-Boot-Männer wussten, was zu tun war...

Im Mai 1945 hiess es, entweder "als Hunde zu leben", daher den alliierten Forderungen nachzukommen, und sich zu ergeben... oder "als Wölfe zu sterben", daher die Boote selbst zu versenken. Mit am Sehrohr gehisster schwarzer Flagge, einer "Piratenflagge", wie von den Alliierten gefordert, in ihre Heimathäfen zurückzukehren, kam für viele Besatzungen überhaubt nicht in Frage! Diese Forderung war eine Demütigung, ein Schlag in das Gesicht jedes U-Boot-Fahrers!
(Hier zeigt sich, wie grundsätzlich verschiedene auch gleichen Symbolen von Nation zu Nation Bedeutung zugemessen sein kann: Von den U-Boot-Männer als Piratenflagge gesehen, wurde diese Flagge von britischen Schiffen nur gehisst, wenn sie ehrenvoll und erfolgreich von einer Feindfahrt zurückkehrten).

Die zu diesem Zeitpunkt auf hoher See operierenden Boote hatten kaum eine andere Wahl. Sie mussten den Alliierten Forderungen nachkommen. Doch auch das geschah mehr als widerwillig. Die schwarze Flagge wurde zwar (zusätzlich zur Kriegsflagge) gehisst, doch Bewaffnung (Torpedos, Flak und die auf einigen Booten noch vorhandenen Deckgeschütze) wurde oft entgegen den Forderungen der Alliierten für alle Fälle scharf gemacht. Wusste doch niemand, ob nicht ein "nervöser Tommy" trotz Kapitulation auf ein Boot schiessen würde.
Manchmal kam es bei der Übergabe des Bootes zu Tumulten, wenn übereifrige Engländer im Siegesrausch die Kriegsflagge der Deutschen als "Souvenier" vom Flaggenmast oder Sehrohr reissen wollten, und mancher "Tommy" wurde bei solchen Versuchen von den U-Boot-Männern "kräftig Aufgemischt" oder kurzerhand in den "grossen Bach" befördert.
In der Regel respektierten aber auch die Engländer die ehrenvolle Kapitulation und liessen auch ihre Mannschaften zum letzten Niederholen der Kriegsflagge salutieren.

Der grösste Teil der U-Boot-Besatzungen der sich in Deutschen Häfen befindlichen oder in Küstennähe operierenden U-Boote entschloss sich aber, ihre Boote selbst zu versenken!

Am 2. Mai 1945 erschollen in den Heimathäfen die Ablegekommandos zur letzten Fahrt. Gleichsam wie dunkle Schemen schoben sich die "grauen Wölfe", alte Kampfboote und neue Elektroboote, nach und nach hinaus in tiefere Gewässer um auf eine Art zu sterben, die ihrem Leben während der letzten Kriegsjahre entsprach.
Die grossen Sammelplätze für den letzten Akt lagen westlich Wesermünde, in der inneren Flensburger Förde, der Kupfermühlenbucht, im Hörupp Haff und der Geltinger Bucht.

Etwa drei Stunden nach Mitternacht zirpten am 5. Mai 1945 die Sender in den Funkschapps einiger im norddeutschen Küstenbereich liegender U-Boote das "Stichwort Regenbogen" in den Äther. Niemand wusste später, wer es ausgelöst hatte und niemand konnte sich entsinnen, wie das Stichwort zu den Kommandanten gelangte, zumal zu diesem Zeitpunkt nicht mehr verschlüsselt gesendet werden durfte.

Überall wurden nun von den an Bord gebliebenen Restkommandos Sprengsätze klar gemacht und Flutventile geöffnet. Das letzte grosse Massensterben von U-Booten in diesem Krieg hatte begonnen. In den Tagebuchaufzeichnungen von Lehrer Schockert heisst es: "Das erste Boot ging um 4.10 Uhr in die Tiefe. Mir wurde ganz wehmütig ums Herz las ich sah, wie die Boote sich noch einmal aufbäumten, die Bugspitze hoch in die Luft streckten und denn in der See versanken. Von der Besatzung eines U-Bootes sind zwei Mann mit in die Tiefe gegangen, die Versenkung ging zu schnell vonstatten. (Anm. des Autors: Es handelte sich hierbei wahrscheinlich um U-733.) Von einer Besatzung weigerte sich ein Maat, das Boot zu verlassen. Er hatte alles verloren, sein Haus, seine Kinder, Eltern und Schwiegereltern und erwartete nichts mehr vom Leben. Als das Boot von der Oberfläche verschwand, grüsste er noch einmal vom Turm aus seine Kameraden mit der wehenden Fahne in der Hand."

Als am Morgen des 5. Mai 1945 in Norddeutschland die Teilkapitulation in Kraft trat, lagen in den Buchten und vor den Hafenausfahrten insgesamt 199 selbstversenkte U-Boote aller Typen auf dem Meeresgrund. In der verflossenen Nacht bis zum Morgengrauen hatten sich, neben den vielen anderen, elf Boote des Typs XXI in der Geltinger Bucht durch Zünden der Sprengladung oder allein durch Fluten selbstversenkt: U-2507, U-2517, U-2522, U-2541, U-3015, U-3014, U-3044, U-3510, U-3524, U-3526 und U-3529. Insgesamt waren alleine in der Geltinger Bucht 50 U-Boote verschiedener Typen selbstversenkt worden.

Und weitere Boote hatten ihre allerletzte Fahrt angetreten, "starben nun als Wölfe":
Bei Flensburg-Solitude fiel am 5.5.1945 U-2551 der eigenmächtigen Selbstversenkung zum Opfer.
U-3006 war am 1. Mai und U-3504 am 2. Mai in Wilhelmshaven selbstversenkt worden, Am 3. Mai 1945 wurde U-3509 westlich Wesermünde selbstversenkt. Am westlichen Rand der Aussenweser war das Schicksal am 5. Mai 1945 auch den Typ XXI-Booten U-3009, U-3047, U-3050, U-3051, U-3501, U-3527 und U-3538 beschieden.
Am 5. Mai vernichteten sich bei Brunsbüttelkoog U-3532, das von Danzig aus dort hingeschleppt und wie U-3047, U-3050 und U-3051 noch nicht in Dienst gestellt war.
Mit den XXI-Booten waren auch viele der kleinen XXIII-Boote untergegangen, alles Boote, die unter schwersten Opfern in den bitteren Tagen des letzten Kriegsjahres geschaffen worden waren.



Am Mai 1945 versenkt sich U-3503 (Typ XXI) vor Goetenburg selbst Am 8. Mai 1945 um 19.29 versenkt sich auch U-3503 (Typ XXI) vor Götenburg auf Position 57° 39 Nord und 11° 36 Ost. Nach der Vernichtung der Geheimsachen und Ausstoss der unscharfen Torpedos versinkt U-3503 durch Öffnen der Flutventile. Die Besatzung ging vorher in Schlauchbooten von Bord und wird vom bewachten schwedischen Zerstörer "Norrköping" aufgenommen.

Bildquelle: Buch, "U-2540 - Das U-Boot beim Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven" von Eckart Wetzel, Karl Müller Verlag, 1996.



Überall folgten in den nächsten Tagen weitere, unzählige Selbstversenkungen. Sprengsätze detonierten, Flutventile wurden geöffnet, und ein U-Boot nach dem anderen ging zum letzten Mal auf Tauchstation.

Der Untergang jedes Bootes hatte sich unter besondern Begleitumständen vollzogen und war von ausserordentlicher Dramatik erfüllt. Alle Anstrengungen waren nutzlos gewesen; die Fluten der See überdeckten alle Hoffnungen, die man in die Boote bis zuletzt gesteckt hatte. Schutzlos fühlten sich die U-Bootmänner dem ausgeliefert, was kommen würde. Doch allen war auch ein Gefühl der Erleichterung und Dankbarkeit eigen, dass da hiess: Wir sind davongekommen, wir haben überlebt!

Am Ende entstand durch "Stichwort Regenbogen" ein weiterer Baustein zum unheimlichen und faszinierenden Mythos der "grauen Wölfe", die ungebrochen bis zum bitteren Ende gekämpft hatten. In dem nach dem Krieg verfassten U-Boot-Report der amerikanischen Admiralität steht:
"Es darf nicht vergessen werden, dass die deutsche U-Bootwaffe noch am Tage der Kapitulation eine gefährliche Kampfeinheit darstellte, organisiert, vervollkommnet und bereit, den Krieg fortzusetzen... Und es darf nicht vergessen werden, dass die U-Bootwaffe im Mai 1945 nicht zur See besiegt wurde... Sie kämpfte bis an den Tag, an dem sie gezwungen war zu kapitulieren, weil es kein Deutschland mehr gab, das sie verteidigen konnte."



Seite Erstellt: 27.03.1998
Seite Editiert: 03.09.2004