Die Versenkung von U-715

Von Max Forner, Maschinenobergefreiter auf U-715


Sehr geehrter Herr Mc Rae,

mein Vater Max Forner und die anderen 7 der ehemaligen Besatzung von U 715 danken sehr für Ihren Brief vom Mai.
Leider ist mein Vater inzwischen schwer erkrankt, so dass ich Ihnen - nach Gesprächen mit im - schreibe.

U 715 wurde im März 1943 in Hamburg fertig gestellt und verbrachte 1 Jahr - bis Mai 1944 - mit Übungsfahrten vor der norwegischen Küste, die Besatzung war sehr jung und unerfahren, nur drei Bootsmaate hatten schon Erfahrungen auf U-Booten.
Kplt. Röttger war vorher Marineflieger, mein Vater - Maschinenobergefreiter - war erst 18 Jahre.
Die Leute in der Maschine hatten keine Ahnung was in der Zentrale los war, sie hörten nur das Glockenschrillen, sahen die Alarmlampen blinken, den Maschinentelegraphen anschlagen und hörten durchs Telefon die Befehle.
Wenigstens darauf konnten sie sich am 13.06.1944 einen Vers machen.
Der Befehl zum Ausblasen der Tauchtanks mit Diesel bedeutete, dass der Kommandant nach langer Tauchfahrt auftauchen wollte.
Dass unmittelbar nach dem Ausfahren des Sehrohrs eine von vier Wasserbomben das Boot traf, erfuhr mein Vater erst später.
Der Treffer löste im Maschinenraum Chaos aus, ein Heizöltank ergoss seinen Inhalt über die Maschinisten, das Boot kippte nach vorne und ging steillastig über den Bug nach unten, Proviantdosen schossen wie Granaten durch das Boot.
"Es ist aus" war der einzige Gedanke und dennoch wurden die Befehle ausgeführt: "Anblasen" befahl der LI, der mit einem Torpedomaat und zwei Torpedomixern im Bugraum war (diese vier sanken mit dem Boot) und dann: "Alle Mann austeigen".
Mein Vater arbeitete sich zur Zentrale durch, zerrte in der Kombüse den vor Angst erstarrten Smutje am Hemdkragen mit an Deck. Sie zogen ihre Schuhe aus, legten die Tauchretter an und sprangen ins Wasser.
Weg vom sinkenden Boot schwammen sie um dem Sog zu vermeiden.

Von 52 Besatzungsmitgliedern konnten 48 das Boot verlassen, mein Vater war der letzte. Aber nur 16 überlebten den Untergang. Nicht alle waren geistesgegenwärtig genug um den Tauchretter anzulegen, die panische Angst ließ klares Denken unmöglich werden.
Die ersten Stunden im Wasser, das wegen des Golfstroms zum Glück relativ warm war (17 Grad), ließen keine Übersicht zu, jeder musste an sich denken. Die Wellen und der Zufall wollten es, dass 16 Mann so zueinander fanden, dass sie sich aneinander festhalten konnten um das Abtreiben von einzelnen zu verhindern.
Kplt. Röttger war nicht dabei, wie er starb, weiß keiner der Überlebenden.
Irgendwann tauchten englische Flugzeuge auf, die Panik stieg wieder an: Die Angst vor dem Abschuss, dem Tod entronnen um zu sterben?
Fantasien machten die Runde: Mastspitzen, Schiffe wurden gesehen.
Wieder ein englisches Flugzeug. Es warf 3 Schlauchboote ab, allerdings funktionierte davon nur eines.
16 Mann zogen sich in das Boot, lagen über- und untereinander, saßen auf dem Rand, die Füße im Wasser, konnten sich nicht bewegen um keinen kostbaren Zentimeter Platz zu verlieren. Weitere Abwürfe, allerdings nur selten in Reichweite des Schlauchbootes: Eiserne Rationen. Der einzige englisch sprechende, der Funker, konnte die Aufschriften wenigstens soweit identifizieren, dass die rettenden Absichten deutlich waren und die Angst vor den Abwürfen schwand.
Die Flugzeuge verschwanden. Weiter war es - auch wenn die Lage nicht mehr ganz so hoffnungslos war - eine Situation zwischen Tod und Leben, auf der Grenze, zwischen Hoffnungslosigkeit und Lebenswillen.
Wieder wurde am Horizont eine Mastspitze sichtbar, diesmal tatsächlich.
Zu der Ausrüstung des Schlauchbootes gehörten auch Leuchtkugeln, allerdings englische. Wer wagt es? Vielleicht beim Abschießen auch den für alle 16 tödlichen Fehler zu machen? Mein Vater schoss die erste Leuchtkugel, das Schiff, zu dem die Mastspitzen gehörten, drehte bei, zwei weitere Signale hinterher.
Ein norwegisches Fischerboot in englischen Diensten holte die 16 nach 18 Stunden im Wasser mit Leinen an Bord.
Völlig entkräftet, nackt, drängten sie sich in den Kojen aneinander.
Ich denke nicht nur, um sich gegenseitig zu wärmen, auch um sich mit ihrer Wärme ihr Leben zu bestätigen.

Mit den zurückkehrenden Lebensgeistern kam auch wieder der Kampfeswille:
Am Schott stand nur eine Wache mit einer MP. Wenn wir die überwältigen, haben wir eine Chance das Schiff zu kapern? Und dann nach Norwegen?
Wieder behielt mein Vater kühlen Kopf und überzeugte seine Gefährten von der Sinnlosigkeit des Vorhabens.
In Scapa Flow wurden die Gefangenen an Land gebracht, jeder - offensichtlich waren die U-Boot-Leute besonders gefährlich - erhielt seinen eigenen Bewacher bis zum Lager in Edinburgh.

Nach dem Verhör begann die lange, erst am 01.10.1947 endende Reise: - London
- Scottsbluff, Nebraska
- Claridgedale, Missisippi (Baumwolle pflücken)
- Dakota
- Liverpool, mit großer Angst von den USA jetzt, wieder dicht an der Heimat den Russen ausgeliefert zu werden
- Schottland
- Münsterlager
- Dachau

Mein Vater erzählt von der Gefangenschaft mit großem Respekt vor dem Verhalten der USA und der Engländer.
Körperliche Entbehrungen gab es nicht, die Versorgung war - wenn man sich einigermaßen pfiffig verhielt - sehr gut, vermutlich wesentlich besser, als im Deutschland dieser Zeit.

Die letzte Postkarte, die mein Vater an seine Freundin - meine Mutter - vor dem Auslaufen schrieb: "Wir laufen aus mit dem Lied auf den Lippen: wir fahren gegen England".
Heute sieht er die Welt nicht mehr in Feindschaft und das war auch der Grund für seine Freude über Ihren Brief. Seit vielen Jahren treffen sich die 16 Überlebenden von U 715 jährlich, jetzt sind es noch 7, viele sind schon gestorben, oder können altersbedingt nicht mehr reisen.
Meinem Vater wurden zwei Leben geschenkt, wie Ihnen auch.
Das könnten aus Kriegen die Menschen gelernt haben: Es gibt normalerweise nur ein Leben. Und damit sollten wir verantwortlich umgehen. Ich bin im August 1948 geboren und will die "Fahne der Vernunft" tragen und weiter geben.
Ich bin gerne in den USA, gerne in Russland und in vielen anderen Ländern.
Ich habe von meinem Vater Achtung, Respekt gegenüber anderen Nationen und Menschen gelernt. Und: Kühlen Kopf in schwierigen Situationen behalten.


Dieser Artikel wurde mir von Max Forners Enkel für "U-Boot - Die Geschichte der dt. WK-II U-Boote" zur Verfügung gestellt.
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Seite Erstellt: 01.10.2004
Seite Editiert: 11.10.2004