Elfen aus Dynamit

Bericht über den Erhalt bzw. Abriß alter U-Boot-Bunker in Kiel.
Aus DER SPIEGEL Nr. 07/1997

In Kiel streiten Denkmalschutz und Hafenwirtschaft erbittert um die Ruine eines U-Boot-Bunkers.

An strahlenden Tagen spazieren die Kieler Bürger gern über ihre Promenade zum Bad "Bellevue". Der schöne Blick, den der Name dieses Teils der Förde verspricht, fällt zwischen den weißen Dreiecken der Wochenendsegler hindurch aufs andere Ufer. Links begrenzt ihn das hochaufragende Laboer Marine-Ehrenmal, rechts, in der Mündung der Schwentine, stören zwei Turmstümpfe aus Beton die Idylle; neben ihnen hängt schief und halb untergetaucht ein Quader mit quadratischen schwarzen Fensterlöchern. Seit Jahrzehnten ist die Ruine des U-Boot-Bunkers "Kilian" den meisten Einheimischen ein Dorn im Auge. Am liebsten wäre ihnen, das Ding versänke auf ewig. Vielleicht wünscht sich das auch Ministerpräsidentin Heide Simonis, 53, wenn sie aus dem Fenster ihres Landeshauses schaut. Denn dann wäre sie eine Sorge los: die für diesen Montag geplante Entscheidung, ob die Bunkerruine bleiben soll oder dem Ausbau des Hafens weichen. Bisher trotzte der Bunker allen Versuchen, ihn zum Verschwinden zu bringen. Bei der ersten Sprengung der britischen Militärregierung im Jahre 1946 zerbarst die Anlage, im Wasser blieben die beiden Pfeilerblöcke und der Klotz zurück, auf dem Land eine bizarre Betonlandschaft. "Made in Germany" pinselten danach Werftarbeiter auf den Beton. 1959 versuchten sich die Kieler selbst am Wegsprengen des Souvenirs; ohne Erfolg. Seit damals hat die Ruine ihre Gestalt nicht mehr verändert, abgesehen von den Pflanzen, die sich auf den kalkhaltigen Bruchstellen ansiedelten. Die Bürger gewöhnten sich an den Anblick, notgedrungen. Aber als plötzlich Kieler Politiker und Künstler dem Trümmerhaufen einen ästhetischen und moralischen Wert unterschoben, brach die Wunde "Kilian" wieder auf. Ein Kriegsdenkmal von außerordentlicher Kraft wollte Stadtbaurat Otto Flagge in den Betonbrocken erkennen. Er überzeugte den Landeskonservator Johannes Habich, 62, und der stellte den Bunker 1988 unter Denkmalschutz. Die Klage der Stadt wurde abgewiesen. Der Bunker solle bleiben, entschied das Gericht, denn "geschichtliche Ereignisse hören auf, Geschichte zu sein, wenn sich keiner mehr an sie erinnert". Genau das, endlich nicht mehr erinnert zu werden, wäre vielen Bürgern der Stadt Kiel sehr willkommen. Eine Flut von empörten Leserbriefen erreichte die kieler nachrichten "Schuldeinflößung durch Fingerzeige des schmerzlich verlorenen Krieges soll uns nicht den freien Blick über die Förde verdunkeln" - dieser Protest eines Lesers sprach zwar vielen Kielern aus dem Herzen, machte es aber gleichzeitig den Befürwortern eines Bunker-Mahnmals leichter, für ihre Sache zu streiten: Schon lange bevor im Jahr 1942 Zwangsarbeiter den U-Boot-Bunker bauten, war das Ostufer der Förde eine Memoriallandschaft der Marine-Denkmäler. Von einem "freien" Blick kann keine Rede sein. Wer sich Kiel auf dem Schiffsweg nähert, den empfängt die Erinnerung an einen bedeutenden Reichskriegshafen. Das Laboer Ehrenmal wurde in den zwanziger Jahren gebaut und 1936 von Hitler eingeweiht. In seiner "Gedenkhalle" wird nach wie vor der Heldentod für Volk und Vaterland geehrt. Ein paar Kilometer weiter, in Möltenort, reckt ein ebenfalls von den Nazis installierter Bronzeadler auf einer Stele seine Schwingen gen Ostsee, sein Wille, die Feinde Deutschlands auf den Meeresgrund zu schicken, scheint ungebrochen. Die Bunkerruine bezeugt das Ende des Reichskriegshafens Kiel. Ein "Ready made" der Geschichte, schwärmt Konservator Habich, das ein Künstler "kaum hätte besser machen können". Im Unterschied zu den beiden Seekriegsdenkmälern steht die Ruine für den Zusammenbruch. Wer den Bunker weghaben will, argumentieren seine Verteidiger, muß auch dafür plädieren, das Laboer Ehrenmal abzutragen und den Möltenorter Adler einzuschmelzen. Dennoch droht der Ruine der Abriß. Denn die Hafenwirtschaft hat an diesem Ort etwas in Aussicht gestellt, das der Idee des Mahnmals starke Konkurrenz macht: Arbeitsplätze. Auf dem Gelände der Ruine sollen Kaianlagen entstehen. Die Firma Cellpap will hier zwei neue Lagerhallen bauen. Natürlich müsse abgewogen werden, räumt Konservator Habich ein, aber "ein in der Bundesrepublik einzigartiges Denkmal" einem Umschlagsbetrieb für Papier zu opfern, hält er "nicht unbedingt für vernünftig". Zumal auch ein Museum, das in der Bunkerwerkstatt eingerichtet werden könnte, Arbeitsplätze schaffe. Das überraschendste Argument für die Erhaltung der Trümmerlandschaft stammt von dem Kieler Chemiker Mins Minssen. In einem Essay beschreibt der Molekularforscher seinen Besuch auf dem Bunkergelände. Er ist sich ganz sicher, zwischen den Betonpfeilern das glucksende Geräusch von Elfen gehört zu haben. Gesehen habe er sie leider nicht, erzählt Minssen, aber vielleicht gelinge ihm das ja noch, "bevor das Elfenvolk vertrieben und die Welt ein einziger Arbeitsplatz sein wird und sonst gar nichts".