Karl Dönitz - Des Teufels Admiral

Bericht über Karl Dönitz
Aus der "Bild-Woche"-Serie "Hitlers Helfer", April 1998

8. Mai 1946: Atemlose Sille lastete über dem Saal 600 im Nürnberger Justitzpalast. Der Angeklagte trat straff ans Mikrofon, erklärte: "Ich habe nach meinem Gewissen gehandelt. Ich müßte das genauso wieder tun." Für die Ankläger stand fest, was der letzte Präsident des "Dritten Reiches", der Großadmiral Karl Dönitz war: ein Kriegsverbrecher - ein Mann, der mit "seinen" U-Booten einen unerbitterlichen Kriegskurs steuerte, dem 30 000 alliierte Seeleute zum Opfer fielen. Und ein Mann, der bis zutetzt Hitler "unverbrüchliche" Treue hielt.

Am 1.Mai 1945 erfuhr der Großadmiral vom Tod Hitlers und trat offizell das Amt an, das ihn in Nürnberg ins Rampenlicht rückte: Er wurde Hitlers Nachfolger - Nachlaßverwalter des zerstörten "1000 jährigen Reiches". Der Marineoffizier des 1. Weltkrieges, verheiratet, drei Kinder, machte unter Hitler große Karriere. Hitler ernannte ihn zum "Führer der U-Boote" (FdU) - mit der Order, aus dem Stand heraus die U-Boot-Waffe neu aufzubauen. Entschlossen ging Dönitz an die Aufgabe.

Bis Ende 1941 versenkten unter seiner Führung deutsche U-Boote fast 4,5 Millionen Tonnen gegnerischen Schiffsraum. Mehr als 10 000 britische Seeleute kamen dabei ums Leben. 1943 war die Zeit der strahlenden Siege vorbei. Immer seltener meldeten Dönitz' U-Boote Erfolge.

Hitler, der inzwischen kaum noch einem General traute, band den Admiral noch enger an sich und ernannte ihn am 30.Januar 1943 zum Oberbefehlshaber der Marine als Nachfolger von Großadmiral Raeder. Nun gehörte Dönitz zum engsten Kreis um Hitler. Bis zuletzt sollte er nicht mehr von der Seite seines "Führers" weichen.

Durch gewaltige Betonmauern geschützt, trieb Dönitz aus seinem Hauptquartier "Koralle" bei Berlin seine schutzlosen U-Boote in die Schlacht, die längst verloren war. Im Mai 1943 verlor Dönitz 41 Boote. 2000 U-Boot-Manner starben, darunter Dönitz' Sohn Peter. Doch auch diese Katastrophe konnte seinen Glauben an das Genie des "Führers" nicht erschüttern. Zweifel wischte er beiseite, nach außen markierte er den harten Mann. Was in ihm vorging, ließ er sich nur selten anmerken.

Als er am Abend des 4.Mai 1944 vom Tod seines zweiten Sohnes Klaus erfuhr, setzte er sich ans Bett seiner Tochter Ursula: "Wir haben stumm Hand in Hand dagesessen".

Während sich Stalins Truppen der Reichskanzlei näherten, schickte Hitler Dönitz in den Norden des zerfallenen Reiches, nach Plön in Holstein. Am 30. April 1945 erreichte Dönitz um 19.30 Uhr das wohl wichtigste Telegramm seiner Karriere. Absender: Reichskanzlei Berlin. Inhalt: Anstelle des bisherigen Reichsmarschalls Göring setzt der Führer Sie, Herr Großadmiral, als seinen Nachfolger als Reichspräsident ein.

Ergeben ließ Dönitz zurückkabeln: "Mein Führer, meine Treue zu Ihnen wird unabdingbar sein. Ich werde alles versuchen, Sie in Berlin zu befreien." Dönitz löste sein Versprechen ein und hetzte junge Marinesoldaten in die eingekesselte Hauptstadt zur Befreiung Hitlers. Fast alle bezahlten den Wahnsinn mit dem Leben.

Der 1. Mai brachte Dönitz die Gewißheit: Hitler war tot. Gewissenhaft machte sich Dönitz an die Abwicklung des "1000-jährigen Reiches", das in Trümmern lag.

Dönitz wollte im Osten weiterkämpfen, um möglichst viele Deutsche vor der russischen Gefangenschaft zu retten. Mehr als tausend Schiffe, vom Fischkutter bis zum Ozeanriesen, sollten die Flüchtlinge über die Ostsee evakuieren, "vor dem bolschewistischen Feind retten".

Ungerührt von dem, was draußen vorging, "spielte" Dönitz Regieren. Täglich, pünktlich um 10 Uhr, eröffnete er die Kabinettssitzungen, bei denen regiert wurde, wo es nichts mehr zu regieren gab. Erst am 23. Mai 1945 machten die West-Alliierten diesem Spuk ein Ende. Hitlers Epigonen mußten endgültig abtreten. "Hände hoch" und "Hosen runter" brüllten britische Soldaten, als sie den provisorischen Regierungssitz stürmten. Etwa 300 "Kabinettsmitglieder" -Stabsoffiziere und Verwaltungsbeamte- wurden vor laufenden Wochenschaukameras abgeführt. Dönitz nahm es äußerlich gelassen hin.

Im Herbst 1945 begann der Prozeß in Nürnberg. Von Beginn an spielte Dönitz das Unschuldslamm. "Keiner dieser Anklagepunkte betrifft mich", kommentierte er kühl die Drei-Punkte-Anklage:

  1. "Verschwörung zur Führung eines Angriffskrieges".
  2. "Führung eines Angriffskrieges".
  3. "Kriegsverbrechen".
Als er das Urteil -10 Jahre Haft- hörte, schleuderte er den Kopfhörer von sich, ballte die Fäuste und verließ verbittert seinen Platz auf der Anklagebank. Dönitz kam in eine Zelle im Militärgefängis Berlin-Spandau. Er trug einen lilafarbenen Gefängnisanzug mit einer 2 darauf. Hitlers Nachfolger wurde Häftling "Nummer zwei".

Auf Tag und Stunde genau wurde Dönitz nach 10 Jahren aus der Haft entlassen. Er lebte nach dem Tode seiner Frau Ingeborg zurückgezogen in seinem Haus in Aumühle bei Hamburg, bis er Heiligabend 1980 an Altersschwäche starb.

Copyright 1996 by C. Bertelsmann Verlag aus
HITLERS HELFER von Guido Knopp.
352 Seiten mit vielen s/w-lllustrationen,
46.80 Mark.


Seite Erstellt: 04.05.1998
Seite Editiert: 04.09.2004