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Von Norwegen zur Dänemarkstraße

Es ist 20 Uhr, die Backbordkriegswache hat abgelöst, und die Kampfgruppe steuert in Dwarslinie, die Zerstörer als Unterseeboots-Sicherung herausgesetzt, Zickzackkurse.

Himmel, See und die nahen Felsberge Norwegens liegen wie in einen Farbenrausch von rosa, rot, violett, blau und grau getaucht. Nur auf See und in der Wüste sind solche Farben anzutreffen, solch tausendfache Schattierungen vom zartesten Rosa bis zum Tiefviolett. Es ist einfach unbeschreiblich schön, und man glaubt zu träumen, wenn man hinüberschaut zur Küste, zu den rot übergossenen Schären, die blankgewaschen von der Brandung glänzen, als seien sie eben mit breitem Pinsel und frischer Farbe neu gemalt worden. Selbst die Brandung, die in langen Zwischenräumen bei der heute verhältnismäßig ruhigen See an den Klippen und Riften hochschäumt, ist himbeer- und kirschfarben. Die Felsberge, kulissenartig hintereinander aufwuchtend, zeigen Farbtöne, die unwahrscheinlich zart wirken, die sich in den dahinter liegenden Felsen, in den tief eingeschnittenen Schluchten kleiner Fjords und Wasserläufe über ein sattes Blaurot zu dunkelstem Lila verdichten. Über allem spannt sich ein Himmel, wie ich ihn sonst nur noch in der Wüste, etwa beim Blick von der Cheopspyramide zum Mokattamgebirge bei untergehender Sonne erlebte: ein unwirklich feines, goldschimmernd

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Gespinst von allerzartesten rötlichen Schattierungen, ein goldfarbener, mit Rosa überhauchter Seidenschleier, durch den hier und da die gründichblaue Himmelskuppel durchschimmert.

In der Brückennock sieht hingerissen unser Künstler in diese Farbensymphonie. Ich nicke ihm zu, er schüttelt den Kopf: „Toll, einfach toll!“ ist alles, was er sagen kann.

Ganz still ist es auf der Brücke geworden, zu beeindruckend ist dies Schauspiel, das Himmel, Meer und Berge dem entzückten Auge in dieser Abendbeleuchtung bieten. Ein buntes, wenig bekanntes Bilderbuch der alten germanischen Sagen kommt in den Sinn, ein Bild der Waberlohe und der Götterdämmerung in diesem Buch, das man oft betrachted, weil diese unwirklichen Farben, die auch die See widerspiegelte, auf der ein Wikingerdrachen der Küste zustrebte, so beeindruckend wirkten. Genau so steht jetzt die norwegische Küste in einen Feuerbrand, der von Stunde zu Stunde flammender, unvergeßlicher wird.

Hinter den niederen Schären taucht eine Stadt auf. Häuser, am Berghang hingeschmiegt, hinter höheren Inseln die Stadt selbst, Schiffsmasten, Dampferschornsteine: Vorne, auf gischtumsprühter Schäre ein Leuchtturm, kleine Leuchtfeuer auf winzigen Riffen zur Seite, und im Hintergrund Berge, ein Höhenzug hinter dem anderen, von denen der letzte und höchste dunkelblau und starr wie eine Felsmauer die Szene schließt.

Vor der Einfahrt dampfen Fischdampfer, deutsche Vorpostenboote, schwarz im Schatten der Küste. Ein

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altes norwegisches Torpedoboot, seltsam anzuschauen mit weit auseinanderstehenden Masten, niederem Bord und qualmendem Schornstein läuft auf gleichem Kurs wie unser Verband. Von der Torpedobootsbrücke winkert ein Signalgast:

„K. an K.: Heil und Sieg und fette Beute!“

Unser Kommandant läßt ein Dankwort hinübermachen, der Kleine bleibt zurück, schlingert leicht in unserem Kielwasser und schwindet achteraus, bis nur noch eine breitgelagerte Rauchwolke geblieben ist, die noch lange sichtbar bleibt.

Immer phantastischer wird die Beleuchtung, es ist kurz vor Sonnenuntergang, wie feurige Bänder schweben grellrote Wolkenstreifen über den Bergen, noch einmal flammt die See wie flüssiges blutrotes Gold, dann senkt sich langsam die Dämmerung herab, in der immer noch unsere schnellen Jäger und Zerstörer, Heinkel-Flugzeuge und Seeaufklärer rund um die beiden Schiffe herum ihre Motoren dröhnen lassen.

Der Kommandant sieht angestrengt durch sein großes Nachtglas. An Backbord ist irgend etwas in Sicht gekommen, das in der tiefstehenden Sonne blinkert und blitzt:

„Was ist das? Ein U-Bootsturm?“

Nun richten sich viele Gläser in die vom Kommandanten angegebene Richtung. Noch kann man nicht unterscheiden, was da eigentlich die letzten Sonnenstrahlen auffängt und zurückwirft.

„Kann eine Tonne sein. Es schwingt so auf dem Wasser – nein: jetzt ist es deutlich auszumachen, ein Fischerboot!“

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Der nasse Bootskörper leuchtet jedesmal silbern auf, wenn das Boot im Seegang sich heraushebt aus dem Wasser, und in diesem weißgemalten Schiffsrumpf spiegeln sich die nun fast waagerecht hereinfallenden Strahlen der untergehenden Sonne. Ein bißchen schuldbewußt sehen die Männer vom Ausguck den Kommandanten an: „Es ist nicht schön, wenn der Alte alles stets zuerst sieht,“ steht deutlich auf ihren Gesichtern zu lesen. Dieser Kommandant – das haben wir im Verlauf der Unternehmung oft genug festgestellt! - sieht aber tatsächlich „leider“ viele Dinge als erster.

Und das ist auch ganz gut so. Der Kommandant hat eben an Bord nahezu unfehlar, alleswissend und allessehend zu sein!

Als die Steuerbordkriegswache zur Ablösung heraufkommt, liegt im Westen noch ein korallenroter Streif als letzte Erinnerung des märchenhaften Sonnenuntergangs über der See, während über dem abgeblendeten Schiff der unvergleichlich schöne, strahlende nordische Sternhimmel mit all seiner Pracht wie ein silberbestickter Mantel sich wölbt. Gerade über dem Vormarsstand, dicht über der leise durch die sanfte Dünung hin-und herschwingenden Mastspitze leuchtet ein besonders heller und großer Stern.

Man bereut es nicht, ohne Wache zu haben, oben geblieben zu sein und nun durchstehen zu müssen: diese zauberhaften Sonnenuntergänge, die man doch wahrhaftig oft genug erlebt hat, zwingen jeden, der sich den Sinn für ihre Schönheit bewahrt hat, zu stets neuer Bewunderung. Ich glaube auch, daß die von uns, die

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fast verächtlich jeden ansehn, der unverhohlen ausspricht, daß ihn jeder Sonnenuntergang auf See von neuem begeistert, tief im Herzen heimlich ganz genau so denken und es nur törichterweise für „unmännlich“ halten so etwas offen zu bekennen!

Inzwischen hat der Läufer Brücke aus der Kombüse Tee für die Brückenwache gebracht. Wir stehen leicht frierend umher – es ist mit dem Verschwinden der Sonne empfindlich kalt geworden – und schlürfen das heiße Getränk aus den dicken Porzellantassen. Hier in diesen Breiten wird die Morgendämmerung nicht lange mehr auf sich warten lassen, der Kriegswachleiter setzt seine Tasse klirrend auf einen der Sattelsitze hinter der Brückenreling und winkt seinen Hauptbefehlsübermittler herbei:

„Hier! Geben Sie durch: die Dämmerung ist die günstigste Zeit für U-Bootsangriffe. Besonders scharf Ausguck halten!“

Der Matrose beugt den Kopf zum Sprechtrichter seines Telephons und wiederholt, dann hält er die Muschel zu und sieht den Artillerieoffizier an, der seinen ewig verrutschenden Schwimmwestenbeutel zurechtrückt und fortfährt:

„Alles Auffällige ist sofort zu melden. Lieber zuviel als zu wenig melden. Die Sicherheit des Schiffes hängt vom Ausguck ab. Wiederholen!“

Es geschieht, bis der A.O. abwinkt, die dicken Handschuhe auszieht und wieder zu seiner Teetasse greift.

Kurz vor drei Uhr beginnt schon das Morgenrot: fern im Osten steigt es herauf, verbreitet sich zusehends

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über den ganzen Osthimmel und läßt den silbrigen Halbmond, der wie eine ins Dunkel geschnittene Laterne an Steuerbord in einer Dunstschicht über der See schwebt, in einen fast durchsichtigen zarten Rosa aufschimmern.

„Abnehmender Mond,“ bemerkt der Rollenoffizier, „vielleicht ändert sich das Wetter. Heute bleibt es jedenfalls noch schön, das steht fest.“

Über dem fernen Küstenstreifen, der als blauschwarze vielgeschwungene Linie die See begrenzt, hebt sich, feurig und golden, zusehends wachsend, die Sonne. Unwillkürlich blickt alles, was an Steuerbordseite auf der Brücke steht, dorthin:

„Komisch sieht sie aus,“ stellt einer der Ausgucks fest und dreht das fest eingebaute Brückenglas, hinter dem er gebückt stehend, die Kimm absuchte, ein paar Gewinde höher, „ein großer Ball mit einem aufgesetzten flachen Viereck.“

„Das ist die Strahlenbrechung in der Dunstschicht über der Küste, mein Junge!“ erklärt der Artillerieoffizier und hebt sein großes Artillerieglas. „Die Form wechselt übrigens, passen Sie mal auf-“

Immer schneller steigt die glührote Kugel hoch, verliert das Viereck auf ihrem oberen Rand und erscheint nun als orangene Scheibe, die jetzt am unteren Ende ein scharf abgesetztes flaches Viereck als Anhängsel mit hochreißt. Im Nu wechselt auch die bisher stumpfgraue See ihre Farbe: wie von innen her durchleuchtet, ziehen hellgrüne Streifen übers Wasser, das nach Osten, nach Land zu, opalen schimmert.

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„Vier Flugzeuge gerade in der Sonne!“ ruft plötzlich eine Stimme aufgeregt in unsere Betrachtung hinein.

Tatsächlich: vier dunkle Punkte, winzig klein, stehen im brennenden Gold, vier Flugzeuge. Sind es eigene? Englische? Unmöglich, den Typ auf diese Entfernung auszumachen. Entfernungsmeßgeräte drehen sich, suchen und beobachten. Umsonst: ebenso schnell, wie sie auftauchten, sind die geheimnisvollen Flugzeuge wieder verschwunden, ohne näher gekommen zu sein.

„Wenn das wirklich Engländer waren, melden sie uns natürlich. Irgendwann müssen uns die englischen Langstreckenaufklärer ja doch finden.“

Der Rollenoffizier sagt es.- Wir schweigen.

Er hat recht, unbemerkt werden wir bestimmt nicht in den Atlantik kommen. Daß es tatsächlich Engländer waren, die uns sahen und auch meldeten, erfuhren wir erst viel später aus den englischen Berichten. Augenblicklich Kümmern uns diese Flugzeuge nich viel, zumal deutsche Flugzeuge um uns sind und Sicherung fliegen. Wir recken die Köpfe zu den blitzschnellen Jagdmaschinen, die in tollen Kurven über uns hinwegschwirren, winken, hochziehen und in Sekundenschnelle weit vorne zu zweien un dreien davonstieben. Silbern glitzern ihre Tragflächen, wie flinke Libellen huschen sie bald dicht überm Wasser, bald unendlich hoch am Himmel dahin, während die Zerstörer in Ketten lang und schmal mit dröhnenden Motoren, tadellos ausgerichtet ihre Kurse steuern.

„Wie Bleistifte sehen sie doch aus,“ meint ein Leutnant.

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„Mich erinnern sie immer an die Garnelen, die Granat, wie man an der Nordseeküste sagt. Einen Kopf vorne mit Scheren und einen schmalen langen Leib dahinter. Finden Sie nicht?“

Granat – mein Himmel! Wie weit liegt das zurück, daß man als kleiner Junge in Borkum mit einem vom Vater geschenkten Schurrnetz barbeinig längs der kleinen Ausläufer der Brandungswellen ging und selig war, wenn wirklich ein paar dieser blassen, fast durchsichtigen kleinen Krebse sich im engmaschigen Netz, das der hölzerne Bügel auseinander hielt, fingen! Überhaupt, diese Kindheitserinnerungen! Je älter man wird, desto strahlender und schöner erscheint einem die Kinderzeit.

Wie schön war es doch, mit dem Vater frühmorgens auf der ziegelroten Strandmauer nach Norden zu wandern, bis zur Victoriahöhe, wo es die herrlichen Kartoffelpuffer gab, und dann weiter zum Muschelfeld mit seinen unendlich vielen bunten Muscheln, den großen Wellhornmuscheln mit Einsiedlerkrebsen und den kalkweißen Seepocken auf der gerippten Außenhaut, den zartrosa und bläulichvioletten Plattmuscheln, den kräftigen Herz- und den bräunlichen Dreiecksmuscheln, die solch winzig feine, nadelscharfe Zähne an ihrem Rand trugen. Scheidenmuscheln, wie Samuraischwerter geformt, zerbrechliche schwanenweiße Dattelmuscheln galten schon als seltene Funde und wurden sorgfältig in Sand verpackt im Eimer Getragen. Und dann ging’s quer über das weite, in der Sonne glühend heiße Muschelfeld zum Deich, der Ost- und Westland verband. Es duftete herb und frisch nach rosa Strandnelken, bläulichvioletten

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Kriechweiden und all den feinen Salzkräutern, die zwischen den silbriggrünen Stranddisteln die Dellen der Dünen zwischen Muschelfeld und Tüskendöör füllten. In der Ferne zackte die Silhouette des Dorfs mit dem hohen neuen und dem vierkanten alten Leuchtturm und den ragenden Bauten der Strandhotels. Upholm lag friedlich zwischen den Deichen, und schwarzbuntes Vieh stand im fetten Grün der Binnen- und Außenweide.-

Es ist kurz vor der Ablösung und ich gehe hinunter ins Kartenhaus, nachzusehen, wo wir eigentlich jetzt stehen. Oben im Stand, aus dem gesteuert wird, führt an Steuerbordseite ein steiler Niedergang hinab zum eigentlichen Raum, der dem Steuermannspersonal zur Verfügung steht. Den Niedergang selbst schließt eine Holzgitterklappe, die für gewöhnlich den Niedergang abschließt und jedesmal hochgenommen werden muß, wenn jemand hinunter will. Neben diesem Holzgatter ist auch im Stand ein Kartentisch, auf dem immer einer der Steuermannsmaaten der Wache mit Zirkel und Dreiecken hantiert, einen der Chronometer in der Hand, die Fahrttabelle vor sich, Radiergummi und Bleistift in Reichweite. Auf diesem mahagonibraunen Tisch, über dem Sprachrohre und Telephonleitungen von Brücke, Signaldeck und Kartenhaus münden, über dem Echolote und Chronometer hängen und der für alle außer dem wachhabenden Steuermannspersonal gewissermaßen „tabu“ ist, habe ich während der Dauer der Unternehmung Film- und Photoapparat verstaut. Der Stabsobersteuermann hatte lächelnd auf meine Frage genickt

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wir kennen uns von einer Friedensübung auf dem Kreuzer „Leipzig“ her und der große blonde Stabsfeldwebel ist selbst ein begeisterter Photograph!

Unten im Kartenhaus, das eine Tür mit besonders hohem Süll zur Kammer des Navigationoffiziers hat, schläft die Freiwache auf den mit schwarzem Leder bezogenen Kojen, während die Wache, dicht über die von hellen Lampen bestrahlten Spezialkarten gebeugt, laufend den Schiffsort einträgt. Hier ist es endlich warm nach der morgenkalten Brücke, warm und gemütlich. Auf dem Mahagonitisch liegt, weit ausgebreitet die Spezialkarte, die den Teil der norwegischen Küste wiedergibt, vor dem wir mit unserer Gruppe gerade stehen. Es ist an der engsten Stelle, der Enge von Shetland-Bergen, und ich lasse mir von Obersteuermannsmaaten zeigen, in welchen der vielen Fjords wir einlaufen wollen. Lauter bekannte und vertraute Namen stehen bei all den Riffen, Schären und Fjords: wer zur Kriegsmarine gehört, kennt die norwegische Küste von vielen fröhlichen Friedensfahrten, von Übungen der Flotte, Sommer- und Herbstreisen her. Stumm deutet der Obermaat auf die vorgezeichnete Kurslinie und klopft mit dem Zeigefinger auf eine Stelle:

„Hier ungefähr erwarten wir das Lotsenboot, Herr Kapitän.“

„Schön. Und wann laufen wir wieder aus?“

„Das ist noch nicht bekannt. Ich denke aber bestimmt heute abend noch. Wir müssen doch zusehn, so schnell wie möglich, in den Atlantik zu kommen!“

„Allerdings! Geben Sie doch mal den Stechzirkel her, bitte.“

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Ich greife an der Seite die Meilen ab, die wir laufen, und übertrage sie auf unseren Kurs:

„Das Einlaufen wird die Backbordwache machen. Dann können wir uns alles als Badegäste schön ansehn, großartig! Wird aber noch etwa vier Stunden dauern, bis wir die Außenschären haben, wenn wir mit dieser Fahrt weiterlaufen. Wir stehen noch ziemlich weit draußen.“

„Jawohl, Herr Kapitän.“

Zwischen Hardanger- und Sogne-Fjord liegt, tief versteckt zwischen Bergen und großen und kleinen Fjords, Bergen. Die alte Hansestadt mit den deutschen Kontoren an der Tyskebrygge, die im Mittelalter so buntes Leben bargen, wenn die Ernte der riesigen Heringszüge hereinkam. Als ich den Namen auf der Karte lese, muß ich, wie so oft , an den Unterschied denken, der diesen Krieg vom Weltkrieg scheidet. 1918 schien es uns, den jungen Offizieren in der damaligen IV. Aufklärungsgruppe ein kühnes Wagnis, als der Flottenchef die gesamte Hochseeflotte durch die unendlichen Minensperren hindurchführte und zur Unternehmung auf die Geleitzüge, die stets zwischen den Shetlands zur norwegischen Küste liefen, ansetzte. Damals standen wir mit dem Flaggkreuzer „Regensburg“ auf der Höhe von Stavanger von dem Gros und hier, wo jetzt unsere Kampfgruppe läuft, liefen in jenen Apriltagen die Schlachtkreuzer mit der II. Aufklärungsgruppe und den großen Hochseezerstörern der II. Flotille. Zum Erfolg führte dies für damalige Verhältnisse kühn ausgreifende Unternehmen nicht. Der erwartete Geleitzug hatte die Linie

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Shetland-Bergen einen Tag vor unserem Erscheinen bereits passiert. Und jetzt? Heute ist es gar nichts Besonderes, daß wir hier herumfahren. Steht doch der Kriegsmarine die ganze lange norwegische Küste zur Verfügung, von Lindesmäs bis zum Nordkap und darüber hinaus bis Kirkenäs. Stavanger, Bergen, Drontheim, Tromsö, Hammerfest, Vardö: alles sind Häfen geworden, die unsere Kriegsschiffe längst kennen, Häfen, aus denen unsere Kampfgruppen auslaufen zum Einsatz gegen die feindlichen Handelswege, gegen Geleitzüge und – wenn es sich so fügt – gegen die Überwasserstreitkräfte des Engländers, die diese für die Insel so lebenswichtigen Konvois zu schützen haben oder Truppentransporte zu sichern hatten, damals als der Kampf um Norwegen tobte und die Engländer aus allen Stellen hinausgeworfen wurden von Andalsnes und Namsos bis Narvik, hoch über dem Polarkreis!

Nach der Ablösung sehe ich noch einen Augenblick den wendigen, schnellen Me 109 zu, die unermüdlich ihre Steilkurven drehn und mit blitzenden Tragflächen über uns hinschwirren, den Polartauchern, die plump, mit gelben, weißgefleckten langen Hälsen wie Steine ins Wasser stoßen, tauchen und weit entfernt wieder an der Oberfläche erscheinen, den gleichen Vögeln, die uns damals 1918 auffielen, als wir hier vergeblich auf den Gegener fahndeten. Werden wir diesmal mehr Glück haben? Wir glauben es. Jeder an Bord wünscht es und darum glauben es auch alle und freuen sich auf das erste Zusammentreffen mit dem Gegner – ganz einerlei, ob es nun Dampfer eines Geleitzuges oder Kriegsschiff

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sind, deren Rauchfahnen als erste über die Kimm klettern werden! Wir haben gute, schnelle Schiffe unter den Füßen, tadellose Waffen, mit denen die Waffenleiter umzugehen verstehen, ausgezeichnete Besatzungen und eine Führung, die den Gegner kennt, die nicht ausweichen, sondern rangehen und jeden Kampf aufnehmen und durchstehen wird. Diese unerschütterliche Überzeugung stärkt Selbstbewußtsein und Mut jedes einzelnen und schafft jene Kampfstimmung, jenes fröhliche Vertrauen, das so bezeichnend für den echten Soldaten und himmelweit entfernt ist von dem „würdigen Ernst“, der gerade uns, den Männern, die gegen den Feind fahren, so gerne angedichtet wird. Daß alles im Grunde sehr ernst ist, daß wir uns zu bewähren haben, daß jede Unternehmung, jede Fahrt gegen den Feind mit zum Endsieg beitragen muß und daß wir alle, jeder an seinem Posten, unserer, der nationalsozialistischen Idee und damit dem Führer zum Siege helfen müssen, das ist tief in unsere Herzen gegraben. Aber daran denken wir nicht, das versteht sich von selbst, das ist ja doch der Leitstern, nach dem wir alle steuern, wie die alten Seekönige nach dem Loadstar, wie er altnorwegisch hieß, dem Nordstern des Kleinen Bären ihre Drachen zu steuern verstanden. Und darüber reden, es immerfort erwähnen, es in unseren Briefen oder Arbeiten herausstellen – nein, das tun wir schon gar nicht. Den Glauben an eine Idee, an den Sieg einer Idee, einer neuen Weltanschauung, an Führer und Volk, den festen, unbeirrbaren Glauben hat man, aber man redet nicht von ihm –

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Im Laufe des Vormittags gehen wir noch näher an die norwegische Küste heran, die von rötlich-violetten Schleiern verhängt, im Osten liegt. Schären heben sich aus der Flut, die typischen niederen weißgemalten kleinen Leuchtfeuer krönen wildzerrissene Riffe, an denen die Brandung im Swell der Dünung aufgischtet, sie bis hoch hinauf überwäscht, daß der nackte Fels naß und glatt wie ein Walrücken in rosa Farben getaucht daliegt. Mit langsamer Fahrt, „Bismarck“ vorauf, steuern wir in einen der vielen Fjords hinein, deren Wasser still und dunkelblau im Schatten der immer höher steigenden Felshügel geheimnisvoll schimmert.

Alles, was dienstfrei ist, steht und liegt bei uns an Deck herum, zeigt sich die Berge, die wenigen Holzhäuser, die hier am Fjordeingang, rings an den Hängen kleben, die nur hier und da schütteres Birkengrün und vom ewigen Wind verkrüppelte Kiefern tragen. Hinter den unzähligen Inseln, Halbinseln und Buchten ragen kulissenartig hintereinander aufgetürmt hohe Berge wie blaudunstige Schatten. Auf einigen der höchsten Kuppen schimmert Schnee in breiten, rissigen Streifen, näher und näher rücken sie heran, bald unterscheidet man am Fuß der Hänge kleine Siedlungen mit buntgemalten Häusern, vor jedem steht der weiße Flaggenmast, der hier in Norwegen bei keinem Hause Fehlen darf.

Ein leuchtend weißer Motorkutter puckert heran, „Steiermark“ steht in schwarzen Buchstaben am Bug, die Hakenkreuzflagge weht von einen Stag des Großmastes, ausrangierte Autoreifen hängen als Fender längsseit, und an Deck erkennen wir bald Offiziere

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